Mir ist bewusst, wie schnell alles vorbei sein kann. Solange man zur gesunden Mehrheit gehört, blendet man schwere Themen oft aus. Man vergisst, dass man von einer zur anderen Minute zur anderen, zu einer so genannten Minderheit gehören kann. Es wird einem bewusst wie fragil und kostbar das Leben ist. Wie gehen Leute damit um, wenn das bis anhin so Selbstverständliche auf einmal in Frage gestellt ist? Ob Krankheit, Unfall oder Verlust – was ist relevant, welchen Fokus kann und muss ich setzen, wie sieht mein »neues« Leben aus und welche Gestaltungsmöglichkeiten habe ich?  Diese Prozesse haben mich immer brennend interessiert.

Ich habe zwei Grundthemen, in den Büchern als auch in den Filmen. Was löst ein Ereignis aus und welche Prozesse passieren dann? Welche Veränderungen entstehen und wie ist die Qualität dieser Veränderungen?

Anne Rüffer in ihrem Verlag. Foto: Mike Flam

Anne Rüffer in ihrem Verlag. Foto: Mike Flam

Die Suche nach exemplarischen Leben. Was uns Menschen am meisten interessiert ist doch die Frage: Was machen die Anderen? Mich interessiert das Phänomen spezieller Leistungen, Entdeckergeist, Forschungswille und die Frage:  Was bringt Menschen dazu, sich einem Thema komplett zu widmen? Wo sind die Brüche, Niederlagen und Erfolge, wie gehen die damit um? Menschen die uns zeigen, so kann man es auch machen. Es  muss ein exemplarisches Leben sein, das in seiner Bedeutung über das Regionale hinausgeht, damit daraus ein Buch entsteht. Monika Hauser zum Beispiel, eine  junge Schweizer Gynäkologin, die ihr Leben der Unterstützung kriegstraumatisierter Frauen widmet.

Diese Menschen gehen ihren Weg, trotz aller Hindernisse. Ein anderes Leben ist für mich dann interessant, wenn es Anregungen vermitteln kann für das eigene Leben. Selma Lagerlöf, eine phantastische Schriftstellerin, Literaturnobelpreisträgerin, Verfasserin des Weltbestsellers Nils Holgerson. Niemand weiss, wie hat dieses Frau gelebt, um in einem Schweden dieser Zeit schreiben zu dürfen.  Was bringt eine Aung San Suu Kyi dazu, sich immer wieder unter Hausarrest zu stellen lassen? Was treibt sie an?

Wenn ich einmal nicht mehr bin, dann hinterlasse ich etwas. Foto: Mike Flam

Anne Rüffer – Wenn ich einmal nicht mehr bin, dann hinterlasse ich etwas.

Man muss riechen können, was erzählt wird. Ein guter Schriftsteller bringt es fertig, dass man nicht nur Bilder im Kopf hat, sondern auch riecht, was er erzählt.  Ein gutes Beispiel ist der Roman >Middlesex< von Jeffrey Eugenides. Oder Nino Haratischwilis >Das achte Leben für Brilka<,  ein atemloses Buch. Darin spielt eine Schokolade eine absolute Hauptrolle, das Geheimnis wird über Generationen weitergegeben. Ich wollte der Autorin das Geheimnis der Schokolade entlocken, als ich sie an einer Lesung dem Publikum vorstellte, aber damit hätte ich dem Buch den Zauber genommen. Ich weiss wie diese Schokolade riecht, nachdem ich das Buch gelesen habe.

Bücher sind ein weit unterschätztes Medium. Ich bin überzeugt, Bücher können sehr heilsam sein. Man findet in Büchern Antworten, die einem sonst keiner geben kann.

Wenn ich einmal nicht mehr bin, dann hinterlasse ich etwas. Es ist ein unglaubliches Gefühl, wenn ein Buch fertig vor einem liegt. Selbst wenn niemand mehr weiss,  dass ich je existiert habe, dann gibt es immer noch Bücher auf denen unser Namen steht.

Es ist wichtig, Leute zu bewegen, sich Dinge zu fragen, die gesellschaftlich relevant sind. Zum  Beispiel, was tun wir mit Langzeitausgesteuerten? Ich finde es geht uns etwas an, wie es den Frauen im Kongo geht. Welche Gesellschaft wollen wir, welche Art von Medizin? Wie weit geht unsere Vorstellung von Machbarkeit? Wie will ich alt werden? Was bedeutet Alzheimer für uns als Gesellschaft – gesundheitspolitisch und ökonomisch, auch seelisch und geistig?  Da gehen uns die Fragen noch lange nicht aus, für die wir mit unseren Büchern Antworten anbieten.

Anne Rüffer und ihre Bleistiftsammlung. Foto: Mike Flam

Anne Rüffer und ihre Bleistiftsammlung. Foto: Mike Flam

 

 

2 Kommentare
  1. Thomas Brasch
    Thomas Brasch sagte:

    Es ist immer wieder wunderbar, wenigstens auf diese Weise Menschen zu entdecken, von denen man sich wünscht, mal einen Abend lang gemeinsam plaudern zu können. Man würde mit vielen neuen Einsichten nach Hause kehren und würde diesen Moment einatmen, der das Gegenteil von dem ist, den Anne Rüffer so schön treffend beschreibt: „Wenn ich wohin gehe und ich gehe leerer nach Hause, als ich dort angekommen bin, dann weiss ich, das bringt nichts.“

    Danke dafür und auch für die schönen Aufnahmen.

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