Lebensmittelunverträglichkeiten gehören heute zum guten Ton

Ich bin Jahrgang 1967, und damals hat man noch alles gegessen. Alles, was auf den Tisch kam. Ganz besonders viel bei der Oma. Da dampfte die Küche und der Schweinsbraten lag richtig im Nebel. Die gebackenen Mäuse schwammen fröhlich im Fett. Und zugegeben, mein Cousin Walti und ich haben manches Mal so über die Stränge geschlagen, dass uns danach übel war. Heute würde sich wahrscheinlich die Kinderschutzbehörde anmelden, bei so einem erzieherischen Fehlverhalten. Aber eben, damals war alles anders. Lebensmittelunverträglichkeiten standen noch nicht mal im Duden.

Heute ist Essen schwierig. Auch eine Einladung zu geben, spitzt sich zu. Denn bevor man das Menue plant, muss man einmal alle Intoleranzen seiner Umgebung abfragen. Da will man dann Fisch mit Knoblauch im Rohr dünsten. Und es heisst: Fisch gerne, aber bitte wenn möglich ohne Knoblauch. Der nächste Gast will keinen Fisch, und wenn nur Süsswasser. Dann wären da noch die Kartoffeln, die dann bitte nicht im Salzwasser, weil dann sind sie so matschig. Und die Mayo bitte lactosefrei. Sonst noch was, frage ich mich dann? Vom geplanten Vanillepudding nach Omas Art schweige ich. Der ist ersatzlos gestrichen. Auch der Zwetschkenkuchen, wegen der Gluten und dem Zucker. Und dann wäre noch die Tomate, also die ist dann ganz problematisch, und bitte am Salat nur gekocht. Und die Weizenallergie, die eigentlich gar keine ist, aber es geht einem halt besser ohne Weizen, sollte auch Einzug finden.

Mangelndes Selbstbewusstsein oder Lebensmittelunverträglichkeiten

Zusammengefasst: Ich habe das Abendessen gestrichen. Wir sind in ein Restaurant. Dann kann das bitte der Wirt ausbaden. Und das war dann auch so. Die eine Bestellung lautet so: also gerne den Zander mit Knoblauch, aber ohne Knoblauch. Der nächste wollte die Spinat-Nockerl, aber ohne Spinat, das ging dann nicht. Auch das Krautfleisch mit wenig Fleisch war schwierig. Bei der Nachspeise bitte nur Erdbeereis und keine Nüsse aber mehr Schlagrahm. Und ja, die Karotten waren nicht biologisch, dann bitte lieber nicht.

Umso entspannter war der Sommer im Burgenland bei den zahlreichen Heurigen. Da isst man einfach. Und die Gesundheitsaposteln fixieren die Täter, die schon um 11 Uhr die erste Flasche öffnen, und die Täter schauen einfach weg. So geht das. Unverträglichkeiten gehören heute scheinbar zum guten Ton und wer einfach isst, was serviert wird, dem wird gleich fehlendes Selbstbewusstsein attestiert. Der traut sich nicht, denken die Intoleranz-Terroristen. Denn wer heute was auf sich hält, der fordert seine Extrawürschte mit Selbstbewusstsein. Wo kämen wir denn da hin, wenn wir in der Masse untergehen ohne Spezialwunsch? Ist es dieses kleine Quäntchen an Aufmerksamkeit, das da sein Unwesen treibt?

Natürlich sind alle ausgenommen, die wirklich an Lebensmittelunverträglichkeiten oder einer Krankheit leiden. Liebe Intoleranz-Terroristen, stellt euch bitte einmal vor, ihr müsstet ein Restaurant führen. Der blanke Horror. Mein lieber Cousin, ein rechtschaffener Wirt, weiss davon ein Lied zu singen. Und wehrt er sich einmal, dann kann man nur beten, dass ihm TripAdvisor gnädig gestimmt ist.

Histamin Hiroshima, Blähbauch Tsunami, Gluten Sturm und Lactose Gewitter…  ziehen an mir vorbei. Heute ist 2018, seit 1967 sind ganze 51 Jahre vergangen, und ich esse immer noch alles. Manchmal auch alleine.

Eure Elisabeth

 

1 Antwort
  1. Katerina
    Katerina sagte:

    It’s a worth reading post that could arise some “philosophical“ questions, especially for those who love cooking and eating. What are these “procedures“ nowadays? Is it a joy, a sign of discipline, a modern way of life?
    Health related issues are excluded…

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