Ist das schlechte Gewissen weiblich?

Das stand zur Diskussion am letzten Women’s Talk. Man konnte von der Teilnehmerzahl auf das grosse Interesse schliessen. Warum plagt es uns, das schlechte Gewissen? Ist es wirklich weiblich? Eine Spurensuche.

Barbara Beckenbauer, Psychologin, formuliert es sehr schön: Das schlechte Gewissen ist nicht so schlecht, wie sein Ruf. Das klingt gut und lässt uns erleichtert aufatmen. Sie macht den Hormonhaushalt verantwortlich, auch Moral hat einen grossen Stellenwert beim schlechten Gewissen sowie das Selbstbewusstsein und der hohe moralischer Anspruch.

Grundsätzlich ist das schlechte Gewissen ein soziales Gefühl.

Es ist extrem sozial motiviert. Aber, das schlechte Gewissen ist nicht weiblich, obwohl wir dazu neigen. Unser Gewissen entspringt einer viktorianische Tugend und hat mit kognitiver Dissonanz zu tun. Es hat auch damit zu tun, zu welchen Werten ich stehe. Oft habe ich ein schlechtes Gewissen im Dienste von etwas anderem. Mit mehr Selbstbewusstsein kann man auch dem schlechten Gewissen entgegentreten, das Gute, Selbstbewusstsein kann ich mir erarbeiten, indem ich liebevoller mit mir selber bin. Die aktuelle Zeit ist schwierig für ein gutes Selbstbewusstsein, denn via Social Media leben wir im ständigen Vergleich. Und es ist immer noch so: Frauen trauen sich zu wenig zu, Flexibilität ist immer noch männlich.

v. l. n. r. Barbara Beckenbauer, Yvonne Zurbrügg, Daniel Regli, Kafi Freitag, Women's Talk

Barbara Beckenbauer, Yvonne Zurbrügg, Daniel Regli, Kafi Freitag am Women’s Talk Foto: Christian Dancker

Kafi Freitag bringt es auf den Punkt: Wir sagen zu oft sorry!

Die Zerrissenheit ist oft Auslöser für das schlechte Gewissen, sagt Kafi Freitag. Wir sind hin und her gerissen zwischen Familie, Kind, Beruf – man ist eigentlich nie dort, wo man sein sollte, sondern als Frau irgendwie immer dazwischen, fasst sie zusammen. Das baut erheblichen Druck auf und in der Folge schlechtes Gewissen. Hinter jedem schlechten Gewissen steht eigentlich eine gute Absicht. Das hat etwas mit unserer Wertekultur zu tun. Bei jedem schlechten Gewissen wird auch ein Wert von mir berührt. Hilfe bringt Distanz zum Thema bzw. Abgrenzung vom Thema, das beugt schlechtes Gewissen vor. Man könnte es so formulieren: Das Gewissen ist der Motor des schlechten Gewissens. Da drängt sich die Frage auf: Sind erfolgreiche Menschen gewissenhafter oder weniger gewissenhaft? Man kann davon ausgehen, eher weniger. Also wäre der Umkehrschluss, dass uns schlechtes Gewissen erfolglos macht? Irgendwie stimmt das auch. Ziel wäre ein moderates schlechtes Gewissen, aber das klingt einfacher, als es ist. Schlechtes Gewissen hat auch mit unseren Glaubenssätzen zu tun, je spiessiger unsere Kindheit bzw. Jugend war, desto grösser kann das schlechte Gewissen werden bzw. sein.

Daniel Regli ist sich sicher, das schlechte Gewissen ist nicht weiblich.

Es wäre ausgeglichen verteilt unter den Geschlechtern. Der Auslöser kommt von Wissen, ich weiss, mit allen Optionen der Wahl. Wahl ist immer ein Konflikt. Schlechtes Gewissen hat viel mit Moral zu tun, aber Moral ist für jeden anders definiert. Wichtig ist, das schlechte Gewissen darf mich nicht am Leben hindern. Sollte es in Richtung Zwangsstörungen gehen, ist es ungesund und bedarf einer Therapie. Es ist ein grosser Stress, immer alles recht machen zu müssen. Auch mir selbst gegenüber, weil es eine Tatsache ist, dass wir nicht alles unter einen Hut bringen können. Schlechtes Gewissen findet immer fruchtbaren Boden. Dass es weiblich sein soll, hat mit der Rollenerwartung von Frauen zu tun. Frauen glauben tendenziell häufiger, ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Doch der Motor des schlechten Gewissens, die Moral, ist veränderbar im Laufe des Lebens, so Daniel Regli. Es gibt Gesetze die aktuell gelten, aber die können sich im Lauf unseres Lebens ändern, es findet eine Art Verfassungsrevision statt. Das schlechte Gewissen hat mit meinem Über-Ich zu tun und wichtig ist, dass ich mich immer wieder frage: was ist wichtig? Schlechtes Gewissen lähmt uns, führt immer häufiger auch zur Modediagnose BurnOut. Man weiss aus der Sterbebegleitung, dass Sterbende sich oft mit einem schlechten Gewissen oder Bedauern vom Leben verabschieden.

Women's Talk Zürich. Das Interesse war gross, das Thema spannend. Schlechtes Gewissen, ist es weiblich?

Women’s Talk Zürich. Das Interesse war gross, das Thema spannend. Schlechtes Gewissen, ist es weiblich? Foto: Christian Dancker

Ist schlechtes Gewissen ansteckend?

Es gibt immer eine Art Gruppendynamik, der wir uns unterwerfen. Frauen denken häufig, alle anderen Frauen könnten alles besser. Deshalb spielt das Selbstbewusstsein eine grosse Rolle und an dem können wir arbeiten. Schlechtes Gewissen ist übertragbar, wird tragischer Weise fast genetisch weitergegeben. Übliche Formulierungen wie: Man soll das nicht! Solche Muster sollten hinterfragt werden mit: Warum? Deshalb ist es ratsam sich im Laufe eines Lebens immer wieder eigene Konventionen zu schaffen.

Fazit:

  1. Das schlechte Gewissen ist nicht weiblich, wir sind aber anfälliger.
  2. Schlechtes Gewissen hat mit Selbstbewusstsein zu tun, an dem können wir arbeiten.
  3. Moralvorstellungen schaffen schlechtes Gewissen, diese können sich im Laufe eines Lebens ändern.
  4. Schlechtes Gewissen ist übertragbar, in einer Art genetisch.
  5. Je weniger schlechtes Gewissen, desto erfolgreicher.

Nachtrag: Su Franke hat einen wirklich guten BlogPost zum Thema geschrieben, ich liebe den Titel: Vom Gewissen gebissen! Reinlesen dringend empfohlen! Danke Su! #Frauenpower #TwitterCommunity

Im Gespräch - Barbara Beckenbauer, Yvonne Zurbrügg, Daniel Regli, Kafi Freitag

Im Gespräch – Barbara Beckenbauer, Yvonne Zurbrügg, Daniel Regli, Kafi Freitag Foto: Christian Dancker

 

Judith Baumberger von Human Resources Services und ich #bestyears

Judith Baumberger von Human Resources Services und ich #bestyears

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