Ich blicke auf ein bewegtes Leben zurück,
Claudia Braunstein von geschmeidige Köstlichkeiten.

Claudia lebt in Salzburg und bloggt seit 2012 über barrierefreie Speisen für Menschen mit Kau- und Schluckproblemen. Essen, Trinken, Kauen und Schlucken sind für einen gesunden Menschen eine Selbstverständlichkeit. Für Claudia, die an einem Mundhöhlenkarzinom erkrankte, wurde Essen zur Herausforderung. Für ihr Engagement wurde sie 2015 mit dem Jurypreis des Food Blog Award ausgezeichnet.

Ursprünglich war mein Blog als Rezeptsammlung für barrierefreies Kochen gedacht. Daraus hat sich über die Jahre viel mehr entwickelt und ein richtiges Projekt entstanden, welches wichtiger Teil meiner Tagesstruktur geworden ist. Im Augenblick bin ich besonders stolz auf meinen großen Erfolg, der mir durch den Jurypreis am Food Blog Award Berlin 2015 zu Teil geworden ist. Mit meinem Blog Geschmeidige Köstlichkeiten möchte ich möglichst viele Menschen erreichen, die von ähnlichen Ernährungsproblemen betroffen sind wie ich. Das sind massive Kau- und Schluckstörungen. Ich möchte vermitteln, dass man mit diesen Einschränkungen nicht unbedingt nur auf Breinahrung angewiesen ist.

Ich war immer ein Genussmensch. Dran hat auch meine Krebserkrankung samt der bleibenden Schäden und Beeinträchtigungen nichts geändert.

Claudia Braunstein von Geschmeidige Köstlichkeiten beim Food Blogger Award 1015

Ihr Engagement wurde belohnt – Claudia beim Food Blogger Award Foto: Markus Nass für BurdaLife 2015

Meine Offenheit ist zum Teil auch Selbstschutz. Ich habe sehr oft die Erfahrung gemacht, dass Sprachbehinderung bei Menschen oft mit einer geistigen Beeinträchtigung in Verbindung gebracht wird. Deshalb habe ich mich dazu entschlossen, sehr offen mit meiner Krankheit und den Beeinträchtigungen, also meine Spracheinschränkung, umzugehen. Die meisten Menschen sind sichtbar froh, wenn sie wissen, weshalb ich so eigenartig spreche. Es gibt natürlich auch immer wieder Leute, die meine Offenheit nicht ertragen. Die Gründe sind vielschichtig. Häufig wollen Menschen nicht mit dem Thema Krebs konfrontiert werden. Meine Erfahrungen sind aber im Großen und Ganzen sehr positiv.

Die Krankheit hat mir meine Eitelkeit nicht genommen. Am Anfang stand da schon die Angst um mein Aussehen im Raum. Die ersten Monate nach der Operation, die sich ja hauptsächlich am Hals und im Mundbereich abgespielt hat, waren optisch eine starke Beeinträchtigung. Die Narben am Hals von der Neck Dissection und der zerschnittene Unterarm, aus dem das Transplantat für die Zungenrekonstruktion genommen wurde, waren lange Zeit eine Herausforderung.

Auch mit der Bauchnarbe aus der Zeit der Sonden-Ernährung musste ich mich anfreunden. Die Narbe am Hals vom Luftröhrenschnitt ist kosmetisch so gut gelungen, dass man sie nur erahnen kann. Schwierig war für mich die körperliche Veränderung durch den sehr schnellen Hormonabbau. Ich bin in wenigen Wochen durch den Wechsel gegangen, für den andere Frauen Jahre benötigen. Aber letztendlich sind das alles nur Oberflächlichkeiten.

Claudia Braunstein von Geschmeidige Köstlichkeiten beim Kochen und probieren neuer Rezepte.

Claudia Braunstein beim Kochen und probieren neuer Rezepte.

Ich blicke auf ein bewegtes Leben zurück. Das von sehr vielen Höhenflügen, aber leider auch so manchem unerfreulichen Crash geprägt war. Vieles möchte ich rückblickend nicht missen, denn auch Negatives hat mir Ressourcen mitgegeben. So manche Erfahrung hätte ich lieber nicht gemacht, aber letztlich kann man in fast allem auch etwas Positives finden. Nein, ich hadere nicht, denn meine schönen Erlebnisse überstrahlen die weniger angenehmen. Ich habe mich nie gefragt, warum mich diese besonders seltene Krebserkrankung erwischt hat?

Es gibt ein Schicksal, das man nicht beeinflussen kann. Das beginnt schon mit unserer Geburt, keiner kann sich aussuchen wo und wann er von wem geboren wird. Ich glaube aber sehr an mich selbst und meine innere Kraft, die mir dankenswerter Weise mitgegeben wurde. Im Leben muss nicht wirklich alles Sinn machen. Sinnlosigkeiten können durchaus bereichernd sein und Spaß machen. Manchen Sinn erkennt man jedoch oft erst viel später.

Ich plane nicht mehr sehr weit voraus. Vielleicht ein paar Monate. Ich lebe mit dem Wissen, dass sich mein Leben sehr schnell verändern könnte. Aktuell mache ich mir Gedanken, wie mein zukünftiges Leben, die Zweisamkeit mit meinem Mann nach 30 Jahren aussehen wird, wenn keine Kinder mehr im Haus sind. Gerade eben ziehen meine beiden jüngsten Kinder samt Partnern aus. Der Weg von der Großfamilie zum älteren Ehepaar, den sehe ich als Herausforderung.

Freundschaft ist ein schwieriges Thema für mich. Ich habe sehr viele vermeintliche Freunde verloren. Vorwiegend Menschen die in guten Zeiten gerne an unserem Wohlstand teilgenommen haben. Als die Zeiten rauer wurden, haben sich viele grußlos verabschiedet. Meine Krebserkrankung vor vier Jahren hat dann fast alle der noch Verbliebenen auch verschwinden lassen. Es gibt ein paar, ganz wenige Menschen, die ich als Freunde bezeichnen würde. Auch wenn sie distanzmäßig weit weg leben.

Claudia Braunstein von Geschmeidige Köstlichkeiten

Claudia Braunstein unterwegs im geliebten Salzburg

Das Älterwerden ist nicht jeden Tag gleich angenehm. Es gefällt mir, dass man respektvoller behandelt und ernster genommen wird. Ich fühle mich auch viel gelassener als noch vor ein paar Jahren. Was mein Äußeres anbelangt, habe ich manchmal Probleme mit mir selbst. Um ehrlich zu sein, ich finde Falten und Dellen nicht wirklich attraktiv.

Das Wichtigste in meinem Leben ist und war immer meine Familie. Ich bin dreißig Jahre verheiratet und immer noch eine gluckenhafte Mama von vier inzwischen erwachsenen Kindern. Seit zwei Jahren bin ich begeisterte Omi. Auch wenn mein kleiner Augenstern rund 300km entfernt lebt, ist er großer Teil meines Glücks.

Glück bedeutet für mich überhaupt noch hier in diesem Leben zu sein. Glück kann auch eine Kleinigkeit sein. Ich bin glücklich, wenn ich bei strahlendem Sonnenschein am Sonntagmorgen in die Altstadt schlendere und alleine in einem schönen Kaffeehaus die Zeitung lese und frühstücke.

Traum oder Wunsch, das gleicht sich eigentlich. Ich wünsche mir viel mehr Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit für das Thema Mundhöhlenkarzinome und die damit verbundenen Behinderungen. Ich weiß von meiner ehrenamtlichen Tätigkeit als Betroffenenbegleiterin, dass sich viele Patienten sozial isolieren. Das hat vielerlei Gründe. Einer davon ist, dass es in den meisten gastronomischen Betrieben kaum Speisenangebote gibt. Kein Mensch möchte immer mit seiner Einschränkungen im Vordergrund stehen. Darum wünsche ich mir für mich und alle Betroffenen, dass die Umsetzung des Begriffes *barrierefrei essen* möglichst bald stattfindet, breite Akzeptanz erfährt und dadurch die soziale Ausgrenzung herabgesetzt werden kann.

Den Rezepte Index findet ihr hier. www.geschmeidigekoestlichkeiten.at

Lasst Euch inspirieren und seid überrascht!

Claudia Braunstein von Geschmeidige Köstlichkeiten

Claudia Braunstein von Geschmeidige Köstlichkeiten

 

7 Antworten
  1. Kebo
    Kebo says:

    Liebe Elisabeth,
    ein schönes Interview mit einer wirklich starken Frau, die ich das Glück hatte auch schon im echten Leben kennen zu lernen und sie kommt genau so authentisch rüber, wie sie ist.
    Liebe Grüße aus Südtirol,
    Kebo

    Antworten

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