Anne Rüffer – Ich bin ein leidenschaftlich neugieriger interessierter Mensch, der die Begabung mitbringt relevante Bücher zu machen, und das tue ich.

Ich war ein ausgesprochen hässliches Kind. Mit dicker Zahnspange, Brillengläsern wie Fantaböden und kurzen Haare. Ich war optisch mehr Junge als Mädchen. Ich denke, ich habe mich auch hinter den Büchern versteckt. Im Tanzkurs gab es ein männliches Pendant zu mir, wir haben uns dann aus der Not zusammengetan. Der Abschlussball war die reine Hölle, ich kam mit dem Kleid nicht zurecht und mit der Weiblichkeit auch nicht.

Die Faszination für Bücher hat mich früh erfasst. Ich komme aus einem Tierarzt Haushalt, bin die Älteste von fünf Kindern, für mich war Kinderärztin vorgesehen. Diesen Plan habe ich durchbrochen. Ich hatte die Angewohnheit mit dem Buch zum Mittagessen zu erscheinen und mit dem Buch den Tisch auch wieder zu verlassen. Wenn wir etwas »verbockt« haben, bekamen meine Geschwister Fernsehverbot, ich bekam Buchverbot. Bücher haben mich immer begleitet. Ich habe schon früh eigene Geschichten erfunden und geschrieben. Dann gab es einige Umwege in meinem Leben bis im Jahr 2000 klar war, ich wage den Sprung und gründe meinen eigenen Verlag. Ich habe diese Entscheidung nie bereut und würde es genauso wieder tun.

Es gibt die Sinnlichkeit des Buches. Das läuft auf verschiedenen Ebenen ab. Bücher machen glücklich, wie Schokolade. Sie sind wie die besten Freunde, sie trösten und im allerbesten Fall entdeckt man Dinge über sich selber, wenn man in so unbekannte Welten eintaucht, die man bei sich selber gar nie vermutet hätte. Das ist ein unglaubliches Glücksgefühl. Ich erinnere mich an ein wunderbares Erlebnis. Ich war in Nairobi um die Friedensnobelpreisträgerin Wangari Mathai , genannt »Mama Miti« zu interviewen, die Frau, die die Bäume nach Nairobi zurückbrachte. Dort habe ich habe auch den Schweizer Botschafter getroffen, dem ich ein paar Bücher mitgebracht hatte. Beim Öffnen meiner Bücher sagte er: Mein Gott, riechen diese Bücher gut.

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Zu Besuch bei Anne Rüffer, Verlegerin aus Leidenschaft. Foto: Mike Flam

Papier riecht wie nach Hause kommen. Der Duft erinnert mich an die Situation, wenn man in eine Wohnung geht, wie in das Haus der Grossmutter, der Geruch verändert sich nie. Das ist ein Ankommen, ein nach Hause kommen. Es ist der Moment, wenn man ein Buch aufmacht, dann sieht man die Buchstaben, die Geschichte, dann fühlt man sich wohl, es breitet sich im Körper ein Gefühl aus, das vermittelt, jetzt bin ich in dieser Welt angekommen.

Keine Zeit ist eine verlorene Zeit. In meinem eigenen Roman habe ich mich sehr mit der Frage der Zeit beschäftigt. Es gibt eine Passage da geht es darum: Was ist Zeit? Meine Hauptfigur kommt zu dem Schluss, keine Zeit ist eine verlorene Zeit. Ich bin überzeugt, alles passiert zum richtigen Moment. Die Wahl, die man dann trifft in bestimmten Momenten beinhaltet schon die Tatsache, dass man was anderes ausschliesst. Unter den Optionen habe ich, ausser auf privater Ebene in der Liebe zum Beispiel, keine falschen Entscheidung getroffen. Ich bin zufrieden über die Wahl, die ich getroffen habe.

Viele gute Frauen leben heute alleine. Viele würden dieses Stark sein können und müssen gerne gegen eine Partnerschaft eintauschen. Insofern sollte man offen bleiben. Beziehungen haben mit Glück und Schicksal zu tun, nicht mit Machbarkeit. Ich freu mich über Jede, wo es gut geht, weil es mir zeigt, dass es möglich ist.

Das Älter werden erschreckt mich nicht. Aber ich stelle mit Bedauern fest, dass gewisse Dinge nicht mehr gehen. Was Mode betrifft zum Beispiel. Ich hoffe, dass ich nicht diese Ticks entwickle, das Alter verdrängen zu wollen, im Sinne von ernsthaft über kosmetische Eingriffe nachzudenken. Ich merke eher, dass ich nicht mehr so viel Kraft habe. Früher gab es viele Arbeitsnächte, das schaffe ich heute nicht mehr.

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Anne Rüffer, Verlag rüffer & rub, Zürich. Foto: Mike Flam

Es wäre schön, wenn es weitergehen könnte, wenn ich mal aufhören muss. Bis jetzt bin ich gesund geblieben und habe auch die Kraft, das alles durchzustehen, dieses viele Arbeiten. Dafür bin ich sehr dankbar, das ist nicht selbstverständlich. Sollte es mir vergönnt sein, dass ich bis ins Alter gesund bleiben kann, dann würde ich gerne über einem phantastischen Manuskript einzuschlafen.

Es war kein Verzicht, es waren Entscheidungen. Mir war bewusst, dass meine verlegerische Tätigkeit mit vielen Unsicherheiten verbunden ist, vor allem in finanzieller Hinsicht. Es wäre dumm, wenn ich jetzt sagen würde ich habe verzichtet, das waren Entscheidungen

Gute Freude braucht es. Ich habe sehr enge, vertraute Freunde, die alle Phasen des Lebens mit mir durchstehen und ein sehr gutes Verhältnis zu meinen Geschwistern. Sich ein gutes stabiles Umfeld zu schaffen möchte ich jedem empfehlen. Ich glaube sehr an die Freundschaft. Und zwar gegenseitig, in guten wie in schlechten Tagen. Ich habe ein absolutes Primärvertrauen in Menschen. Natürlich wurde das auch schon mehrfach enttäuscht, aber grundsätzlich bin ich positiv, bis es sich anders entwickelt.

Das Lauwarme, das will ich nicht mehr. Ich bin sehr geizig mit meiner Zeit. Von daher: viele neue Freundschaften gibt es nicht. Man muss in der gleichen Art von Lebensphase sein, damit überhaupt etwa stattfinden kann. Wenn ich wohin gehe und ich gehe leerer nach Hause, als ich dort angekommen bin, dann weiss ich, das bringt nichts.

Mich hat die Auseinandersetzung mit gewissen Themen verändert. Verändert in dem Sinne, man nimmt sich weniger Zeit für Bla Bla. Viele Dinge, die so erstrebenswert erscheinen, verpuffen plötzlich. Ich versuche die kostbare Zeit, die man hat, den Dingen zu widmen, die ich persönlich für relevant halte. Das ist sehr persönlich. Es gibt Dinge, mit denen muss ich mich nicht mehr befassen.

Ich habe den Anspruch, die Welt besser zu verlassen. Ich habe kein Verständnis, ganz ehrlich, wenn jemand die Möglichkeit hat, einen positiven Beitrag an die Welt zu geben und es nicht tut.

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Zu Besuch bei Anne Rüffer im Verlag, im Hintergrund ihre Autoren, zu denen sie eine enge Beziehung pflegt. Foto: Mike Flam

 

 

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