Bettina Plattner Gerber
Mit 45 schaut man zurück.

Mit 45 schaut man zurück, zieht Bilanz und fragt sich, wo bin ich gelandet?  Das kann Krisen auslösen. Es gibt Dinge, die kann man nicht mehr von vorne beginnen. Früher kam irgendwann die Zukunft, und man hatte das Gefühl alles ist möglich, irgendwann. Mit 40 verändert sich das Gefühl. Man ist und lebt bereits in der Zukunft, die man sich immer so weit weg gedacht hat und das kann sich gut anfühlen, oder auch Angst machen.

Die Belastung zwischen 30 und 45 ist am höchsten. Die verschiedenen Lebensphasen sind geprägt durch einschneidende Ereignisse wie Ehe, Kinder, Trennung, Pensionierung, Tod. Solche Lebensereignisse erfordern immer wieder grosse Anpassungsleistungen. Mit 45 hat man bereits viel erlebt, privat und beruflich und befindet sich in der Rushhour des Lebens. Diese Gleichzeitigkeit von komplexen Lebensereignissen und Entscheidungen ist eine grosse Herausforderung.

Bettina Plattner Gerber

Bettina Plattner Gerber  im Gespräch Foto: Mike Flam

Die Zufriedenheitskurve erreicht in der Lebensmitte einen Tiefpunkt. Anschliessend steigt dieses Kurve bis ins hohe Alter wieder stetig. Seit 45 ist mir klar, ich kann nicht 50 werden mit der gleichen Struktur wie mit 30, das funktioniert einfach nicht. Wir entwickeln und verändern uns. Geist und der Körper verlangen nach anderen Dingen. Dieses Bewusstsein hilft. Ich lebe und esse heut anders als vor ein paar Jahren. Weil ich gelernt habe zu spüren, was mir guttut.

Ich bin nicht gescheitert, ich habe gelitten. Es geht nicht so ums Scheitern, denn gescheitert bin ich bis jetzt eigentlich nicht. Es geh eher ums Leiden. Ich wurde schon gebeutelt in der einen oder anderen Phase meines Lebens. Leiden kann ich, ohne das es nach aussen sichtbar ist. Deshalb ist es aber nicht einfacher.

Perfektionismus ist eine Leidensquelle. Je höher die Ansprüche, desto eher kann man daran leiden. Vom Wesen bin ich eine Perfektionistin, ich will keine halben Sachen machen, daurch ist der Druck auf mich selber oft gross. Gründlichkeit ist nicht immer effizient, das weiss ich.

Ich bin mit einem hohen Leistungsbewusstsein erzogen worden. Wir prägen unsere Kinder vielleicht in einer Art und Weise wie wir uns gar nicht bewusst sind oder es gar nicht wollen. Kinder werden automatsch durch das Familiensystem geprägt, was ich versuche weiter zu geben ist, ein Sinn für Qualität im Leben. Ich versuche keinen Druck aus zu üben, denn ich weiss, man kann auf verschiedene Arten glücklich werden. Wenn etwas klappt ist es gut, aber es gibt auch immer andere Wege.

Das Schöne am Älter werden ist das Gelassener werden. Das ist ein grosser Luxus. Dieses tolle Gefühl – es ist schon OK so wie es ist. Ich fühl mich für nichts zu alt, damit kann ich echt nicht dienen. 50 plus: Hallo? Was ist das? Das ist ein Unwort. Man kann ein Leben lang lernen, mit 80 noch Klavier spielen lernen, das ist erwiesen. Ich lebe im Gefühl immer wieder Neues in Angriff nehmen zu können.

Ich bin zufrieden mit dem Weg, den ich bis jetzt gegangen bin. Ich habe das Gefühl, dass ich die Ziele, die ich mir vorgenommen habe, erreicht habe. Ich habe mir zu einem sehr frühen Zeitpunkt einiges vorgenommen. Ich hatte früh ein Bewusstsein dafür entwickelt, dass ich nicht alles hinaus schieben kann, dafür habe ich manchmal auch einen hohen Preis bezahlt, denn die Belastung war zwischen 30 und 40 gross. Menschen sehen von aussen oft nur den Erfolg, nicht den Weg. Aber von Nichts kommt einfach Nichts.

Bettina Plattner Gerber

Bettina Plattner Gerber Foto: Mike Flam

So eine Schwäche, eine Pause. Ich war Jahre lang pausenlos im Einsatz. Heute schaffe ich mir Freiräume, zum Beispiel den Hundespaziergang ohne Handy. Irgendwann wurde mir klar, dass ich in dem Tempo nicht 90 werden kann. Und trotzdem bin ich vom Leben irgendwie getrieben, das ist ein Motor der immer läuft.

Eine gute Leistung braucht eine Pause. Ich musste lernen, dass die Pause etwas Gutes ist. Die Pause nicht im Sinn von Belohnung, sondern von Schärfung. Früher gab es für mich nur Arbeit und Aktivität und keine Pause. Bis ich erkannt habe, die Pause hilft mir mich zu schärfen, wie ein Orchester, auch das achtet auf die Pausen, um mit Leere neu zu beginnen.  Seit kurzem stricke ich manchmal. Stricken ist innenhalten und gar nicht spiessig, es ist in einer Art wie Meditieren, eine regelmässig Tätigkeit mit einem Mantra.

Bettina Plattner Gerber

Ihr Herz schlägt für den Tourismus und das Engadin. Gemeinsam mit ihrem Mann hat sie zwei der renommiertesten Hotels in der Region erfolgreich neu positioniert und aufgebaut. Heute unterstützt Bettina Plattner Gerber im Rahmen der Plattner & Plattner AG Tourismusunternehmen begleitet Projektentwicklungen und lancierte mit der Marke ALPINELODGING ein neues Konzept für Ferienwohnungen mit Dienstleistungen. Sehr aktiv ist sie in der Beratung und im Coaching von Unternehmerpaaren. Viele kennen Bettina Plattner Gerber als Autorin des Buches: Wenn Paare Unternehmen führen. Ausserdem ist Bettina Plattner Gerber Stiftungsrätin der Klaus-Grawe-Stiftung zur Förderung der Psychotherapieforschung.

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