Benita Cantieni – Ich wurde vom Leben beschenkt.

Benita Cantieni (65) war erfolgreiche Journalistin (Vogue, Annabelle, Blick) bis der Schmerz sie einen anderen Weg einschlagen liess. Selber an Skoliose erkrankt, war der Schmerz siebenundvierzig Jahre ihr täglicher Begleiter. Sie suchte nach Rettung und fand sie. Sie entwickelte die CANTIENICA Methode für Körperform & Haltung, die erste therapeutische Fitnessmethode der Welt. Sie sagt: Die meisten Menschen wissen nicht, wie das Meisterwerk Körper zu gebrauchen ist. Heute unterrichtet sie weltweit und ist Autorin zahlreicher Bestseller.

Ich bin eine Findende. André Heller hat das in einem Interview schön formuliert: Sich lernend verwandeln sei das, wonach er suche im Leben. Das beschreibt mein Leben gut. Das Leben war, nachdem ich das Elternhaus verlassen hatte, gut zu mir. Es hat mir viele Möglichkeiten geboten.

Ich glaube nicht an das Glück. Ich habe im Journalismus eine Karriere gemacht, die heute gar nicht mehr möglich wäre. In den 70er Jahren war eine Art Aufbruchsstimmung für Frauen. Ich hatte tolle Chancen.

Erkenntnis war mein Erfolg. Erfolge von aussen sind meist ganz andere, als die Erfolge für einen selbst. Beispiel Vogue. Ich wäre nicht auf die Idee gekommen, mich zu bewerben. Man kam auf mich zu, ich sagte ja, merkte bald, das ist nicht der Journalismus, den ich meine, und so war das Abenteuer schnell vorbei. Was von aussen als Erfolg wahrgenommen wurde, brachte mich zu der Erkenntnis: Das ist nicht meine Welt.

Benita Cantieni

In meiner Arbeit kommt alles was ich gerne mache zusammen. Benita Cantieni – Foto: Mike Flam

Angst und Trotz waren grosse Triebfedern. Als Kind galt ich als dumm, hässlich und frech. Ich komme aus einer Familie mit sechs Kindern mit fast zwanzig Jahren Unterschied, davon fünf Mädchen. Es waren schwierige Umstände. Man nahm mich aus dem Gymnasium, ich habe keinen Schulabschluss. Meine Mutter konnte Lehrlinge ausbilden in der eigenen Papeterie, aber nur eigene Töchter, da sie selber keinen Lehrabschluss hatte. Ich musste diese Lehre machen, statt studieren – und machte sie gut. Angetrieben hat mich die Überzeugung: In mir steckt mehr.

Es gibt nur eine Autorität im Leben, mich selber. Mein Leben ist, wie es ist. Ich bin froh über den Charakterzug, dass ich einmal gefällte Entscheide nicht in Frage stellen muss. Wenn ich mich entschieden habe, dann ist es so.

Autonomie hat mit Egoismus zu tun. Ich bin egoistisch, ich habe keine eigene Familie. Autonomie war und ist für mich sehr wichtig. Sie bedeutet für mich, das Leben führen zu können, das ich will. Sollte ich dafür einen Preis bezahlt haben, so kann ich ihn nicht benennen. Meine Kindheit war so, wie ich Familie nie wollte. Ich bewundere Frauen, die alles unter einen Hut bringen. Ich habe mich für meinen Weg entschieden.

Das Leben fing mich auf. Es gab diesen einen Satz von Christian Larsen: Was ist, wenn Du die Skoliose nicht hast, sondern machst? Ich fand den Gedanken faszinierend, bis dahin war ich immer nur Opfer der Krankheit. Der Satz stellte mein Leben auf den Kopf.

Was mich der Körper gelehrt hat, ist unvorstellbar. Ich habe die Erholung, das Gesundwerden, das Schöpferische, die Intuition …  ich habe unvorstellbar viel durch die Körperarbeit gelernt. Damit meine ich wirklich: Dem Körper zuhören, auf den Körper hören, den Körper anhören.

Ich habe weder Tabletten vertraut noch Operationen. Ohne meine Cantienica Methode hätte ich mich wahrscheinlich längst umgebracht. Ich hatte 47 Jahre meines Lebens Schmerzen, jeden Tag. Der Schmerz bekommt so ein Gewicht, dass sich alles andere darum herum drapiert. Ich hasste meinen Körper. Arbeiten war das einzige, was mich vom Schmerz ablenkte. Infos zur Methode und den Büchern: www.catienica.com 

Ab und zu habe ich mit dem Schicksal gehadert. Mich gefragt: Wieso trifft es mich? Heute empfinde ich eine tiefe Dankbarkeit, dass ich das alles als junger Mensch durchleben konnte, so lange der Körper noch die Kraft zur Regeneration hatte. Nun bin ich jeden Morgen zuerst einmal besoffen vor Glück über die Schmerzfreiheit, die ich erleben darf. Ich konnte mich an den Schmerz nie gewöhnen. Es irritiert mich, wie schnell Menschen sich an Schmerzen gewöhnen. Ich hatte zwar einen beschissenen Start ins Leben, doch wird es immer besser. Dass das gelingen darf, finde ich grossartig.

Was ich aus dem Körper gelernt habe, ist unglaublich. Benita Cantieni - Foto Mike Flam

Was ich über den Körper gelernt habe ist ungeheuer. Benita Cantieni –  Foto Mike Flam

Nicht ich als Mensch bin erfolgreich, die Methode ist es. Ich kann nicht formulieren, was mich erfolgreich macht. Ich arbeite gerne, und wenn ich etwas mache, dann mache ich es richtig. Es ist nicht ein missionarischer Glaube an die Sache, es ist eine demutvolle Begeisterung, die mich antreibt. Die Schöpfung die grösser ist als ich. Ich verspüre eine grosse Dankbarkeit für den menschlichen Körper und für die Einmaligkeit jeden Lebens.

Scheitern ist in mir nicht angelegt. Mut? Auch der Mut ist ein Etikett von aussen. Das ist wie mit dem Erfolg. Ich hatte immer den Mut, den notwendigen Schmerz auszuhalten, vielleicht war es das. Dass mich diese Arbeit gefunden hat, hat etwas Schicksalhaftes. Als ich 1997 mein erstes Buch schrieb, war die Art über den Körper zu schreiben neu. Inzwischen sitze ich am 27. Buch zur Methode. Ohne die Bücher hätte niemand von meiner Methode erfahren.

Was gab mir den Mut, durchzuhalten? Das ist eine zentrale Frage, nur werde ich in diesem Leben keine Antwort finden. Die Standhaftigkeit, aus einem beschissenen Start wie Phönix aus der Asche aufzusteigen, ist vielleicht eine Gnade. Das Leben traute mir Aufgaben zu, und ich nahm sie an. Meine Arbeit gibt mir eine ganz grosse Befriedigung. Ich habe eine Riesenfreude, dass das Leben mich dafür ausgesucht hat.

In meiner jetzigen Arbeit kommt alles für mich zusammen. Alles was ich gerne mache, Neues denken, neue Wege beschreiten, provozieren, Neues ausprobieren, schreiben, mich austauschen, Neues entwickeln.

Ich will geistig fit bleiben. Ich werde 66 und die Leute sagen zu mir: „Du bist jetzt pensioniert“. Ich weiss gar nicht, wovon sie reden. Und ich habe Glück mit meinen Begabungen. Schreiben kann ich, bis ich tot umfalle. Wenn keine Demenz dazwischenkommt …

Ich möchte geistig fit bleiben. Benita Cantieni - Foto Mike Flam

Ich möchte geistig fit bleiben. Benita Cantieni – Foto Mike Flam

Durch meine Körperarbeit übe ich das Sterben. Ich möchte gesund und aufrecht sterben. Ich habe mich damals wegen meiner Schmerzen nicht umgebracht, jetzt habe ich es so gut wie nie. Ich geniesse mein Leben mit jeder Zelle. Der Tod ist unausweichlich. Ich begrüsse ihn wahrscheinlich täglich, in meinem ‚momento mori’, male ihn mir aus in 1000 Varianten. Der Tod macht mir keine Angst, das Leben hat mir früher die Angst bereitet.

Habe ich einen Traum? Das Rätsel Alzheimer zu lösen, das wäre schön.

Ich bin überzeugt, dass Alzheimer sehr viel mit dem körperlichen Verlust von Kraft, Bewegungsfreiheit, Reaktionsgeschwindigkeit und Koordination zu tun hat. Und ich beweise allen, die bereit sind, sich darauf einzulassen, dass der Körper alles kann, so lange er lebt. Die paar Falten sind äusserlich. Innerlich lebt uns das grosse Wunder.

Natürlich werde ich die Centienica Methode noch für Euch testen und dann ausführlich darüber schreiben! Wer neugierig geworden ist, dem kann ich wärmstens die Bücher empfehlen. Denn die good news sind: Wir besitzen ein Meisterwerk. Bad News sind, wir wissen nicht, wie dieses Meisterwerk Körper behandelt werden will.

Das Leben ist schön! Benita Cantieni - Foto Mike Flam

Das Leben ist schön! Benita Cantieni – Foto Mike Flam

Benita Cantieni - Mitten im Gespräch vom Regen überrascht. Foto: Mike Flam

Benita Cantieni – Mitten im Gespräch vom Regen überrascht. Foto: Mike Flam

2 Kommentare
  1. Ingrid Notter
    Ingrid Notter sagte:

    liebe Damen
    Spannend wäre ein Link zur Methode gewesen. Vielleicht habe ich ihn auch übersehen. Lebe seit der Geburt mit trippel Skoliose (trug 3 1/2 Jahre ein Korsett wie Frida Kahlo). Tja, vielleicht wäre das auch was für mich, diese Methode.

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    • Elisabeth Giovanoli
      Elisabeth Giovanoli sagte:

      Liebe Ingrid – danke für Dein Kommentar. Es hat einen Link, aber scheinbar nicht gut erkennbar.Bin immer sehr froh über Leserfeedbacks, man lernt NIE aus. Wenn Du betroffen bist, unbedingt probieren. Zum Einstieg kann ich Dir die Bücher empfehlen. Ein spannende Körperarbeit, die sehr in die Tiefe geht.

      Antworten

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